Arno Stern

Haus, Mensch, Sonne, Baum, Tier, Fahrzeug, Blume, Möbel wie Tisch oder Stuhl. Mehr ist es nicht", sagt er, "mit diesen Requisiten baut sich jedes Kind eine Welt auf, läßt eine Spur auf das Papier entstehen und spielt damit. So scheint das Paradies zu sein." Arno Stern

Von den Kriegsjahren


Arno Stern ist in 1924 in Kassel geboren. Er ging in Deutschland in die Grundschule. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, mußte er mit seiner Familie ins Ausland fliehen. Einige Jahre wurde die Familie Stern in einem Arbeitslager in der Schweiz interniert.

In der Kriegszeit interessierte sich Arno Stern für´s Malen, für Literatur und Musik. Dafür waren natürlich die Umstände nicht gerade förderlich aber er beantragte zum Beispiel im Arbeitslager eine Sondergenehmigung, um malen zu dürfen und bekam sie auch! Eine wirkliche Mutprobe, die auch zeigt, daß wo ein Wille ist, auch ein Weg ist.

Seine erste Arbeit: die Malstunde

Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges war Arno Stern ca. 20 Jahre alt, ließ sich mit seiner Familie in Paris nieder und bekam seine erste Arbeit: die Betreuung von Waisenkindern in Form von Malstunden. Damals wußte er natürlich noch nicht, daß er zu einer wichtigen Erkenntnis kommen würde: der Formulation .
Durch die Umstände des Krieges hatten ihm keine Schulausbildung und kein Studium geformt oder beeinflußt. Seine Begeisterung für das Malen und für andere Themen prägte seine Entwicklung und war der Motor für das, was er selbst lernte. Es erfüllte ihn mit tiefem Vertrauen, in der Lage zu sein, ohne Schule mitten im Krieg Kompetenzen zu erwerben und letztendlich den Krieg zu überleben.
Deshalb war es für ihn von Anfang an klar, daß er während der Malstunde die Kinder nicht belehren wollte, sondern seine Aufgabe darin sah, für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen, damit die Kinder im Malspiel völlig aufgehen konnten.

Die Rahmenbedingungen für die Formulation

Arno Stern stellte fest, daß die Bilder, die die Waisenkinder malten, anders aussahen, als anderswo. Sie waren üppiger, lebendiger und diese Tatsache beschäftigte ihn sehr. Schließlich verstand er die Zusammenhänge: die Rahmenbedingungen waren maßgebend:
- Die Zeichnungen wurden im Waisenhaus archiviert, wurden nicht aufgehängt oder kommentiert, weil die Kinder keine Familie mehr hatten.
- Der Malraum war wie ein geschützter Ort für die Kinder.
- Arno Stern belehrte die Kinder nicht sondern bediente sie im Malspiel und sorgte für einen reibungslosen Ablauf des Malspiels, damit sie sich ganz auf das Spiel konzentrieren können.

Als er später einen eigenen Malort eröffnete, behielt er natürlich diese wertvollen Rahmenbedingungen.

Das Ziel der Formulation

Nun wurde ihm klar, daß durch die besonderen Rahmenbedingungen spezielle Bilder entstanden, eine außergewöhnliche "Spur". Im Gegensatz zu Bildern, die anderswo gemalt wurden, ging es bei der Formulation nicht um Kunst.
Bei der Kunst gibt es einen Empfänger. Der Künstler ist bemüht eine Botschaft oder Information zu vermitteln, eine Emotion im anderen hervorzurufen, sei sie Erstaunen, Bewunderung oder Empörung usw. Der Künstler erstellt ein Kunstwerk. Das Ergebnis ist wesentlich.
Die Bilder der Formulation sind keine Kunst, denn sie sind für keinen Empfänger bestimmt und werden nicht besprochen. Sie ermöglichen nur ein Spiel. Der Moment ist wichtig und nicht das Ergebnis. Die Formulation ist nicht mit einer Spekulation verbunden. Die Formulation ist Ausdruck.

Arno Stern auf Reisen

Arno Stern verstand im Malort die Existenz und die Bestandteile der Formulation und wollte wissen, ob sie bei gleichen Bedingungen überall auf der Welt gleich seien. Deshalb unternahm er in den 60iger Jahren zahlreiche Reisen in abgelegenen Gegenden im Gebirge, in der Wüste, in Urwäldern wie zum Beispiel in Nigeria, Afghanistan, Peru, Guatemala, Neu-Guinea, Mexiko, Äthiopien und Mauretanien.

Dort traf er Kinder und Erwachsene, die noch nie zur Schule gegangen waren, also nicht belehrt wurden. Sie hatten noch nie Papier und Farbe gesehen. Als er dort das Malspiel anbot, fingen die Menschen an, zu malen. Auch sie malten unter den üblichen Malort-Bedingungen die typischen Figuren der Formulation. Das bildnerische Alphabet der Menschheit war auch dort in den Bildern zu sehen: jene Figuren, die spontan überall entstehen, unabhängig davon, ob die Menschen in Zelten oder Hochhäusern leben, in Kleinfamilien oder in Sippen, im Urwald oder Industriegebiet leben. "Die Objekte unterscheiden sich", sagt Stern, "aber nicht die Strukturen. Die Kinder in der Wüste in Mauretanien, hatten beispielsweise niemals ein Schiff gesehen. Doch ihre Reiterfiguren waren aus denselben Elementen gebildet wie die Schiffe der Pariser Kinder: ein Gebilde aus drei Strichen, ein waagerechter, zwei senkrechte - wie Segel."

Der Speicher der ersten Zeichen ist universell, deshalb spricht Arno Stern vom "Universalgefüge". Diese Eindrücke, die während des Malspiels zum Ausdruck kommen, sind also unabhängig von Kultur, Rasse, Ort, Klima, Geschlecht und Alter.
"Sie sind Ausdruck jener sprachlosen Erfahrung, die jeder Mensch in der ersten Phase seiner Entwicklung macht, beginnend im Mutterleib und später in den ersten Jahren seines Lebens", sagt Arno Stern. Er nennt es die "organische Erinnerung".

Arno Stern und die UNESCO

Diese Erkenntnisse interessierten die UNESCO sehr, weil sie über das Wesen des Menschen Grundsätzliches aussagen. Sie delegierte ihn als Experten zum ersten internationalen Kongress über Kunsterziehung nach Bristol.

In seinen zahlreichen Büchern stellt Arno Stern die Grundlagen der Formulation vor:
- Das Malspiel und die natürliche Spur
- Die Expression: der Mensch zwischen Kommunikation und Ausdruck
- Wie man Kinderbilder nicht betrachten soll
- Die Spur: gewesenes Kindsein

Arno Stern heute

Heute ist Arno Stern über 90 Jahre alt und wohnt noch in Paris. Er betreut seit 70 Jahren dort das Malspiel!
Fragt man Arno Stern, ob er Künstler oder Psychologe sei, antwortet er auf beide Fragen mit einem entschiedenen Nein. "Ich praktiziere kreative Erziehung", sagt er, "ich bin der Erfinder dieser Erziehungsweise. Kreative Erziehung fördert die Persönlichkeit, stärkt den Charakter, bezweckt, dass Kinder zu schöpferischen, selbstständigen Menschen heranwachsen". Und auf die Frage "Was bedeutet für die Expression" antwortet er: "Sie ist die Formulierung der im Organismus gespeicherten Empfindungen, die, um sich zu manifestieren, keine andere Sprache haben."