Die Formulation

Geburtsstunde der Formulation

Als Arno Stern in Paris seine erste Arbeit nach dem zweiten Weltkrieg annahm, ging es darum Kinder malen zu lassen. Die Kompetenzen, die er bislang entwickelt hatte, wurden durch seine innere Begeisterung angetrieben und nicht durch eine äußere Förderung oder Belehrung.

So vertraute er daran, daß die Kinder, es auch so erleben würden. Deshalb gab er ihnen kein Malthema vor und sah seine Aufgabe daran, für einen reibungslosen Ablauf der Malstunde zu sorgen. Während und nach der Malstunde besprach er die entstandenen Bilder nicht und kommentierte sie nicht.

Diese Rahmenbedingungen ließen eine besondere Äußerung der Kinder entstehen: die Formulation. Sie ist wie eine programmierte Entwicklungsbahn, die die Kinder nach und nach durchlaufen, wenn der Erwachsene nicht eingreift. Unter diesen Umständen kann das lustvolle Formulationsspiel entstehen und die natürliche Spur.

"Jedes Kind ist von seinem Können beglückt". Arno Stern

"Ohne die Möglichkeit des spielerischen Ausprobierens gäbe es gar keine Kreativität". Prof. Gerald Hüther

Die Erstfiguren

Das Kleinkind malt üblicherweise als Erstes die Giruli oder die Punktili und verfeinert nach und nach seine Motorik. Die schnell kreisende Bewegung oder die vielen Punkte auf dem Blatt bereiten dem Kind Freude. Die Bewegung ist schnell und erfordert die ganze Aufmerksamkeit des Kindes, so daß es danach ganz erschöpft ist.

Dann verlangsamt sich die Bewegung und die Giruli werden zu einem Teilkreis, ähnlich wie der Buchstabe C. Die Punktili verlängern sich etwas in einem kleinen unteren Strich.
Danach entsteht der Kreis, bzw. der Strich. Welch eine Errungenschaft für das kleine Kind! Das Kind beginnt Blätter damit zu füllen. Kreise um Kreise, Striche um Striche.
Aus dem Kreis entsteht das Viereck und die Strahlenfigur und aus dem Strich das Kreuz.
Es gibt auch eine sogenannte Tropfenfigur (sieht wie ein Tropfen aus), die dem "Dreieck" vorangeht.

Die Giruli, die Punktili, der Kreis, das Dreieck, das Viereck, die Strahlenfigur sind erste Requisiten, die das Kind zum Spielen einladen.
Das Kind hat keine Absicht, will noch nicht Gegenstände des Alltags nachmalen. Es spielt nur mit diesen neu entdeckten Spielzeugen: die Erstfiguren der Formulation

Die Bild-Dinge

Dann entdeckt das Kind eine Ähnlichkeit zwischen dem Betrachteten und seinen vertrauten Figuren.

Die Bild-Dinge übernehmen eine Rolle: durch das Zusammenstellen eines Viereckes und eines Dreieckes entsteht etwas, das wie ein Haus aussieht jedoch kein Haus darstellt. Das typische Haus, in dem das Kind wohnt sieht vielleicht anders aus: es hat keinen schiefen Kamin wie auf seinem Bild sondern einen geraden Kamin, es ist ein Hochhaus und nicht ein Einfamilienhaus. Das Kind malt Sachen, die immer mehr der Wirklichkeit ähneln, jedoch nur eine Verkleidung für einen unbeabsichtigten Trazat sind.
Der Bogen als Trazatbeispiel:
Im Bild spielt das Kind mit der Figur "Bogen". Manchmal malt es deswegen einen Regenbogen, oder eine Tür, die wie ein Bogen aussieht oder ein Mädchen, dessen Haare als Bogen über den Kopf dargestellt werden. Alle drei Objekte dienen nur dem Spiel mit dem Bogen.

Mit dem Alter (Kinder/Jugendliche) geht es nun darum, das Erlebte und die Umgebung möglichst präzis in einer Zeichnung wiederzugeben. In diesem Zeitraum sind die Bilder sehr detailreich und genau. Die Bild-Dinge eignen sich perfekt dazu.

Die Hauptfiguren

Bei den Hauptfiguren tritt das Trazat wie bei den Erstfiguren in den Vordergrund und es gibt keine Einkleidung mehr. Die Bilder sind üppig und sind durch Bewegung und Schwung geprägt. Bei den Hauptfiguren handelt sich jedoch nicht um abstrakte Kunst.

Die Formulation ist für alle zugänglich


Im Malort kann jeder die Formulation erleben. Jeder ist dazu fähig. Es gibt also keine Formulationsbegabte oder Unfähige, sagt Arno Stern.
Es reicht jedoch nicht, zu Hause ein Blatt Papier und Farbe zu nehmen, um die Formulation zu erleben. Dazu sind besondere Rahmenbedingungen notwendig.

Die organische Erinnerung

Durch seine Beobachtungen im Malort in Paris und auf Reisen in verschiedenen abgelegenen Orten, wo er Menschen malen ließ, stellte Arno Stern schließlich fest, daß durch das Malspiel die Lebenseindrücke vom ersten Moment der Existenz an durch das Malspiel zum Ausdruck kommen können. Sie sind Ausdruck jener sprachlosen Erfahrung, die jeder Mensch in der ersten Phase seiner Entwicklung macht, beginnend im Mutterleib und später in den ersten Jahren seines Lebens. Arno Stern nennt es die "organische Erinnerung". Da dieses Phänomen auf der ganzen Welt unabhängig von Sprache, Kultur, klimatischen Bedingungen, Geschichte, Familienangehörigkeit, Bildungsniveau, sozialer Schicht und Land ist, ist die Formulation universell. Arno Stern spricht in diesem Zusammenhang vom Universalgefüge.

"Die Universalität des Malspiels hat Arno Stern nachgewisen, indem er viele Reisen in ferne Länder unternommen hat: Menschen in Paris, Nomaden in der afrikanischen Wüste oder Urwaldbewohner zeichnen ausnahmslos dieselben Gebilde, obwohl weder ihre Hautfarbe noch ihre Kultur oder ihre Umgebung die geringste Ähnlichkeit haben". André Stern